Bundespräsident a.D. Wulff wirbt für Sinnsuche in Krisen

Im Interview mit dem DOMRADIO spricht Bundespräsident a.D. Wulff über seinen gefestigten Glauben als wichtige Stütze, über den interreligiösen Dialog, über Neubeginne nach Krisenzeiten und seine persönliche Musik-Playlist.

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„Auch für dich hat Gott noch einen Plan“

DOMRADIO.DE: Ich habe gelernt, dass man ehemalige Bundespräsidenten protokollarisch richtig mit „Herr Bundespräsident“ anredet. Wie stehen Sie dazu?

Christian Wulff (Bundespräsident a.D.): Es reicht völlig aus, mich mit „Herr Wulff“ anzusprechen. Diese Ehre gebührt dem amtierenden und nicht dem ehemaligen Bundespräsidenten.

DOMRADIO.DE: In Ihrer spannenden Playlist sind Klassiker wie Herbert Grönemeyers „Mensch“ und Marius Müller-Westernhagens „Freiheit“ – vermutlich mit Intention?

Wulff: Ja, ich habe mir die natürlich gewählt, weil Freiheit nicht selbstverständlich ist und mit Verantwortung verbunden ist. Zu Herbert Grönemeyer habe ich heute ein besonders Gänsehautgefühl, weil ich mit ihm Ende August dieses Lied “Mensch“ mit 1.000 Menschen im Magdeburger Dom gemeinsam singen durfte, um einfach ein Zeichen zu setzen, dass jeder Einzelne einzigartig ist und dass jeder Mensch seine eigene Würde hat, die ihm niemand nehmen darf. Christian Wulff

– – Hier geht es zur Playlist: https://open.spotify.com/embed/playlist/1zQBB6mvCBAXHhypN5dNNX?utm_source=generator&si=c4eb2a940ea44e01 – –

„Der Tag der Deutschen Einheit ist gerade heute wichtiger denn je.“ 

DOMRADIO.DE: Am kommenden Samstag feiern wir den Tag der Deutschen Einheit. Wie relevant ist für Sie dieser Freiheitsgedanke, wenn Sie an diesen Tag erinnern? 

Wulff: Ich sehe das heute so, dass wir 81 Jahre lang Frieden, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit haben. Das ist etwas ganz Besonderes. Es hat nämlich auf deutschem Boden zuvor nie eine solch lange Zeit gegeben. Wir waren nach 1945 sehr demütig. Wir waren 1989/1990 sehr euphorisch und danach aus meiner Sicht sehr gleichmütig. Wir haben das einfach so als Sieg der Demokratie weltweit angesehen. Das war jedoch Unsinn, denn die Demokratie muss immer wieder neu erkämpft werden. Der Tag der Deutschen Einheit ist daher gerade heute wichtiger denn je. Externen Inhalt anzeigen (Podigee Player)

DOMRADIO.DE: Wie werden Sie den Tag der deutschen Einheit in diesem Jahr begehen? 

Wulff: Es ist ja dieses Jahr so, dass sich meine Rede vom 3. Oktober 2010 in Bremen jetzt zum 16. Mal jährt. Damals sagte ich diesen so umstrittenen Satz, dass auch der Islam inzwischen zu Deutschland gehöre. Und jetzt feiern wir wieder in Bremen nach 16 Jahren, weil jedes Bundesland alle 16 Jahre den Tag ausrichtet. Bundespräsident Frank Walter Steinmeier wird dort zum Ende seiner Amtszeit die Rede halten, und ich bin natürlich gespannt, ob es ihm gelingt, uns deutlich zu machen, dass wir kein Untergangsszenario haben und dass wir nicht so vergrämt sein sollten. 

Ich wünsche mir auch, dass wir dann auch ein wenig unsere Demokratie feiern. 

Christian Wulff im DOMRADIO-Studio (DR)
Christian Wulff im DOMRADIO-Studio / ( DR )

DOMRADIO.DE: Ich habe sie vor einem halben Jahr im Kloster Maria Laach kennengelernt. Dort hatten sie eine faszinierende Fastenpredigt, auch über Demut, gehalten. Sie sagten mir damals, sie hätten bereits als Kind diese Abtei mal besuchen dürfen. Gibt Ihnen dieses Benediktinische etwas? 

Wulff: Absolut. Es bedeutet für mich, dass man zum Wesentlichen kommt, auf sich zurückgeworfen ist und erkennt, dass man Verantwortung für sich selbst, für das eigene Leben und auch für andere trägt. Dass man eingebunden ist in eine Gesellschaft, in eine Gemeinde, in eine Gruppe. Christian Wulff

„Nach meinem Rücktritt war ich eine kurze Zeit im Kloster und bin auch den Jakobsweg gegangen. Das war total super.“

DOMRADIO.DE: Es ist ja bekannt, dass Sie auch Krisenzeiten überstehen mussten. Als Bundespräsident sind Sie 2012 zurückgetreten. Wäre das Kloster damals ein guter Rückzugsort für Sie gewesen? 

Wulff: Nach meinem Rücktritt war ich eine kurze Zeit im Kloster und bin auch den Jakobsweg gegangen. Das war total super. Das hat mir ganz viel geholfen, weil man mit einem Mal sieht: Sie sitzen auf einer Wiese irgendwo bei Pamplona und haben ein Baguette mit einem spanischen Käse und Schinken in der Hand. Es ist natürlich sehr idealisiert jetzt, aber dann wissen sie, dass sie eigentlich nicht mehr brauchen, als mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen und zu wissen, dass sie alle Chancen eines Neubeginns und der eigenen Gestaltung haben. 

Da habe ich begriffen, dass man sich nicht als Opfer sehen sollte, sondern als Handelnden. Ich habe etwa den Begriff „zugrunde gehen“ gelernt. Weil viele dachten, ich würde an den Problemen zugrunde gehen. Nach diesen ganzen Erfahrungen bin ich vielleicht wirklich zugrunde gegangen, aber nicht in dem volkstümlichen Sinne, sondern in dem Sinne, den Dingen auf den Grund zu gehen. 

Ich habe mich gefragt: Was war mein Beitrag? Was waren äußere Umstände? Wer war dahinter, wer hat was aus welchen Gründen gemacht? Dadurch wird man dann einfach auch ein Stück klüger und geht aus einer Krise gestärkt hervor.

DOMRADIO.DE: Hat Sie denn in dieser Zeit der Glaube an Gott sehr getragen? 

 Wulff: Ja, das ist eine höhere Instanz! Für mich bedeutet das, dass es in allem einen Sinn geben könnte und dass man gefordert ist, sich selbst zu hinterfragen und noch einmal nachzudenken. Mir hat das sehr geholfen, dass mir ein Theologe mal gesagt hat: „Auch für dich hat Gott noch einen Plan.“

DOMRADIO.DE: Was bedeutet für Sie dieser Begriff persönlich – Neuanfang? 

Wulff: Dass man in jeder Situation, in der man das Gefühl hat, sich ein bisschen verlaufen zu haben, die Möglichkeit hat, umzukehren, anders abzubiegen, neu zu starten. Die Möglichkeit ist immer gegeben. 

DOMRADIO.DE: Wie stehen Sie dann in diesem Zusammenhang zum Begriff „Vergebung“?

Wulff: Man muss vor allem mit sich selbst im Reinen sein. Ich glaube, wenn man für Dinge gescholten wird, von denen man überzeugt ist, dann fällt es auch leicht, das hinzunehmen. Das ist so wichtig, dass wir immer wieder vergeben, versöhnen, nicht unbedingt vergessen, aber aufarbeiten und dann auch Geschehnisse gut sein lassen. Das ist etwas, was das Zusammenleben begünstigt.

DOMRADIO.DE: Sie sprachen eben Ihren berühmten Satz an: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Wie blicken Sie auf diesen Satz heute, anno 2026? 

Wulff: Ich würde es heute genauso wieder sagen, die ganze Rede vom dritten Oktober vor 16 Jahren. Wir haben über sechs Millionen Musliminnen und Muslime in unserem Land. Natürlich sind viele von denen Deutsche geworden. Sie haben ihre Moscheen, sie haben ihre Imame, sie haben ihren Religionsunterricht. Und da müssen wir dafür sorgen, dass das alles auf dem Boden des Grundgesetzes in deutscher Sprache stattfindet und zu einem Miteinander und nicht zu einem Gegeneinander führt. Christian Wulff

„Zwischen den Vertretern der Gläubigen gibt es einen guten Dialog zwischen Juden, Muslimen und Christen. Aber an der Basis in den Städten könnte noch viel mehr passieren – an Miteinander, an gegenseitigem Interesse, an Neugier.“ 

DOMRADIO.DE: Wie steht es denn aus ihrer Perspektive derzeit um den interreligiösen Dialog hier in der Bundesrepublik?

Wulff: Zwischen den Vertretern der Gläubigen gibt es einen guten Dialog zwischen Juden, Muslimen und Christen. Aber an der Basis in den Städten könnte noch viel mehr passieren – an Miteinander, an gegenseitigem Interesse, an Neugier. Auch die Muslime müssen sich ein bisschen besser organisieren, damit sie auch als Ansprechpartner für bestimmte Fragen schneller handlungsfähig sind. Ich bin beispielsweise beim Islamkolleg in Deutschland der Meinung, dass wir viel mehr Muslime bei der Ausbildung der Imame einbinden sollten, damit sie nicht aus anderen Ländern entsandt werden, sondern hier in Deutschland auf Basis unseres Grundgesetzes in deutscher Sprache ausgebildet werden. 

Bundespräsident a.D. Christian Wulff als Gastredner beim Jahresempfang des Hildesheimer Bischofs Wilmer am 5. Mai 2026. / © Gossmann (Bistum Hildesheim)
Bundespräsident a.D. Christian Wulff als Gastredner beim Jahresempfang des Hildesheimer Bischofs Wilmer am 5. Mai 2026. / © Gossmann ( Bistum Hildesheim )

DOMRADIO.DE: Ich gehe mal gerade so ein bisschen back to the roots, denn Sie kommen aus Osnabrück und Sie bekamen dort auch die Ehrenbürgerwürde verliehen. Das war, glaube ich, im Juni 2022, und zwar vom noch amtierenden Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier. Wie war das?

Wulff: Das hat mir schon sehr gutgetan. Das hat ja der Rat mit ganz überwältigender Mehrheit entschieden, über alle Parteigrenzen hinweg. Und dass der amtierende Bundespräsident Frank Walter Steinmeier darauf die Laudatio gehalten hat: Das war ein besonderer Tag für meine Familie, für mich, für meine Kinder. Damit konnte vieles abgeschlossen werden an Höhen und Tiefen und: Das ist meine Heimatstadt, das bleibt meine Heimatstadt. Jetzt lebe ich ja in der Nähe von Hannover, bin aber oft in Osnabrück. Das ist gut und das darf man nicht unterschätzen. Deswegen weiß ich auch immer, was Verleihungen für Menschen bedeuten. 

Ich habe immer überzeugt Bundesverdienstkreuze verliehen oder andere Ehrungen. Das ist die Form des demokratischen Staates, Dankbarkeit zu zeigen.